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Beerdigung in der Küchenschale - Ausstellung zu germanischen Bestattungsweisen im Rathaus Schellerten: Urnengräber im Vorholz

Die Schellerter Heimatpflegerinnen Heike Klapprott und Gerda Mayer erläutern die Fundgeschichte zu einem Römischen Kupferkessel, der im 19. Jahrhundert zwischen Wöhle und Nettlingen entdeckt wurde. Foto: Mierzowsky
Die Schellerter Heimatpflegerinnen Heike Klapprott und Gerda Mayer erläutern die Fundgeschichte zu einem Römischen Kupferkessel, der im 19. Jahrhundert zwischen Wöhle und Nettlingen entdeckt wurde. Foto: Mierzowsky
(Schellerten/sky) Römisch-germanische Geschichte lässt sich derzeit noch im Rathaus Schellerten studieren. Oder fast schon erleben. Denn, wenn die Heimatpflegerinnen Gerda Mayer oder Heike Klapprott durch die Ausstellung auf zwei Etagen führen, wähnt man sich schon mittendrin im Leben, Treiben oder besser Sterben vor mehr als 1500 Jahren. 

Die Zeit der römischen Kaiser neigt sich dem Ende, germanische Völker, wie die Cherusker, bestimmen den Raum an der Weser und damit auch nördlich der Innerste in der Bördelandschaft. Doch archäologische Funde finden sich im Ackerland eher selten. Sie sind regelrecht untergepflügt worden, sagt Klapproth, die gemeinsam mit ihrem Archivteam aus der Gemeinde eine Ausstellung über Bestattungsformen zusammengestellt hat. Und ausgerechnet südöstlich von Wöhle, im Vorholz-Rücken, wurden ganze Urnenfriedhöfe im Waldgebiet entdeckt.

Und zwar Mitte des 19. Jahrhunderts, als Förster und Waldarbeiter sich plötzlich nicht nur für den Baum- und Wildbestand interessierten, sondern auch quasi über Merkwürdiges im Waldboden selbst stolperten. Fast unmerkliche, kleine Hügellandschaften, kaum mehr als 20 bis 30 Zentimeter hoch bildeten im Vorholz eine regelrechte Art großflächiger Maulwurfsiedlung. Beim Ausgraben stießen die Männer auf Keramikschalen, berichtet Gemeindeheimatpflegerin Gerda Mayer. Schalen, die vor gut 1500 Jahren für den Hausgebrauch getöpfert worden sind und später als Urnengrab für die Toten dienten. „Männer, Frauen, Kinder, einfache Menschen, einfach jedermann“, sagt sie.

Eine Form der Feuerbestattung, die erst viel später in der Folge der allmählichen Christianisierung germanischer Stämme durch Körperbestattungen abgelöst wurde.  Grabbeigaben sind selten.

„Diese Grabstätten sind in Ackerregionen nicht mehr auffindbar, sehr wohl aber in den Wäldern“, sagt Mayer. Im 19. Jahrhundert habe der braunschweigische Abt Thiele, damals schon als „wilder Sammler“ bekannt, viele der Funde in seinen Besitz genommen. Mehr oder minder systematisch.

Erst eine gründliche, mehrmonatige Ausgrabung im Spätsommer 1961 durch den Archäologen Dieter Schmelz führte zu einer sorgfältigen, wissenschaftlichen Bestandsaufnahme. Fotowände in der Ausstellung dokumentieren dessen Arbeit, die Fundorte, und etliche Vitrinen zeigen die restaurierten verzierten Schalenformen, in denen gebrochene Knochenreste unter einem Dach aus Erde vergraben worden sind.

Germanische Schalenurne mit Knochenresten aus dem Vorholz bei Nettlingen. Foto (c) Mierzowsky
Germanische Schalenurne mit Knochenresten aus dem Vorholz bei Nettlingen. Foto (c) Mierzowsky
„Da passt niemals ein komplettes Skelett hinein“, sagt Klapprott. 140 bis 760 Gramm knöcherne Füllmenge seien damals im Schnitt bestattet worden. In Krematorien würden heute gut vier bis sechs Kilogramm anfallen.

Denn die Germanen opferten damals offensichtlich den vier Elementen, wie die Braunschweiger Forscherin Babette Ludowici in der Ausstellung zitiert wird. „Die Germanen verehrten Quellheiligtümer“, sagt Klapproth. Mit dem Verbrennen für Feuer, dem Zerstreuen von Asche im Wind, dem Verstreuen auf Wasserläufe und dem Begraben in der Erde hätten die Menschen ihrer damaligen Natur und Glaubensvorstellung Rechnung tragen wollen.

Doch auch der Beziehung zur römischen „Weltherrschaft“ wird die Ausstellung im Rathaus Schellerten gerecht. Ein Kupferkessel ist neben einer Schale abgebildet, die möglicherweise Abschiedsgeschenke an einen Auxiliar, einen germanischen Helfer, der in römischen Feldherrendiensten stand, gewesen sein könnten. „Das kann nur jemand gewesen sein, der mit den Sitten und Gebräuchen der Römer vertraut gewesen war“, sagt Mayer.

Beide Frauen, sowie ihre Kollegen Hans-Georg Schrader und Dorothea Reich werden am Sonntag, 12. Mai, in der Zeit von 14 bis 18 Uhr interessierten Besuchern Rede und Antwort zur Ausstellung stehen. Die Objekte stammen aus dem Sammlungsbestand des Landesmuseums Hannover.

Die Ausstellung „Heidenkerkhoff – Urnengräber im Vorholz“ ist außer an diesem Sonntag noch an den Werktagen bis zum Freitag, 17. Mai, im Rathaus in Schellerten zu sehen. Die Öffnungszeiten: montags bis freitags vormittags von 9 bis 12 Uhr; zusätzlich montags nachmittags von 14 bis 18 Uhr und donnerstags von 14 bis 16.30 Uhr; dienstags ist die Ausstellung geschlossen.

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(geänderter) Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors (Norbert Mierzowsky/Hildesheimer Allgemeine Zeitung)

 

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