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Widerständischer Pastor und Tillys Truppen

800-jähriges Dorfjubiläum Schellerten: Im Bild ev. Kirche und ehemaliges Schulgebäude und Gemeindebüro (jetzt Privatbesitz) Foto: Lindinger
800-jähriges Dorfjubiläum Schellerten: Im Bild ev. Kirche und ehemaliges Schulgebäude und Gemeindebüro (jetzt Privatbesitz) Foto: Lindinger
(Schellerten/sky) An diesem Wochenende feiert Schellerten sein 800-jähriges Bestehen: Eine Ausstellung streift durch die wechselhafte Geschichte des Dorfes. Im Bild die evangelische Kirche und das ehemalige Schulgebäude und Gemeindebüro (jetzt Privatbesitz). 

Wenn ein Dorf sein 800-jähriges Bestehen feiert, kann es in seiner Geschichte regelrecht schwelgen. Oder auch aus ihr lernen, das möchte zumindest Ortsheimatpflegerin Heike Klapprott und ihr Team für Schellerten erreichen. Und das funktioniert vor allem über Geschichten statt trockene Daten. Wie der von Pastor Ulrich Gerland Anfang des 17. Jahrhunderts. Vielleicht hatte sein Schwiegervater, Pastor Gerd Becker, schon geahnt, was für ein Dickkopf Gerland war. Jedenfalls wusste Becker, dass nur starke Kirchenmänner dem Druck des katholischen Fürstbistums auf evangelische Pastoren gewachsen sein können.

Ulrich Gerland wehrte sich nach allen Kräften gegen die Versuche, ihm seine Schäfchen abspenstig zu machen. Immer wieder schickt der katholische Landesherr seine Leute, um in Schellerten Vieh abholen zu lassen. Auch bei der Visitation stand Gerland unter dem Druck, zurückzutreten. Doch die Schellerter standen hinter ihrem Pastor und schlugen ihn ums andere Mal wieder vor, wenn er abgesetzt und ein neuer gesucht wurde. „Einige Zeit saß sogar regelmäßig ein katholischer Spitzel in den Gottesdiensten, um zu melden, was Gerland in seinen Predigten verbreitet“, erzählt Heike Klapprott. Ohne Erfolg. Schellerten blieb protestantisch.

Wenige Jahre nach den lokalen Streitereien schlug die damalige Weltpolitik mit der großen Keule zu: Der 30-jährige Krieg (1618 - 1648) hinterließ auch in Schellerten seine Spuren. Auch General Tillys Truppen zogen hier entlang, haben auch Höfe und Kirchen beschossen, vor allem aber Beute aufgenommen, um die Truppen beim Durchmarsch zu verpflegen. „Die Menschen haben hier alle gelitten“, sagt Klapprott, die sich seit Jahren regelrecht in die Regionalgeschichte hineingefressen hat. Ohne mit der Wimper zu zucken zählt sie Daten, Personen und Ereignisse auf, als wenn sie selbst dabei gewesen wäre. Neben dem Kirchenarchiv wurde sie vor allem im Staatsarchiv Hannover fündig. Trotz aller Akribie war es wieder einmal der Zufall, der ihr in die Hände spielte, als sie ein Lehnsverzeichnis fand, in der die Geschichte von Schellerten erstmals dokumentiert wurde.

Graf Siegfried I. von Blankenburg verzeichnet in dem Verzeichnis 1212 ein „Dorf, das sich Schellerten nennt“ (villa, que dicitur Scelerte). Dörfliche Ansiedlungen hat es also schon vorher gegeben. Historiker wählen aber in der Regel schriftliche Quellen als Startpunkt für die Altersuhr einer Siedlung. Somit kann Schellerten also an diesem Wochenende getrost sein 800-Jähriges feiern, sagt Klapprott.

Ob Tilly, später Napoleons Truppen, richtig Ruhe haben die Schellerter wohl auch in allen Jahrhunderten nicht wirklich lange genießen können. Mit der alten Heerstraße in Richtung Zarenreich bot sich die Strecke übers flache Land vor allem für Händler als Verbindung an. Händler, die übrigens die Funktion übernahmen, die heute wohl eher den großen Medien oder dem Internet zukommt, erzählt die Ortsheimatpflegerin: „Man darf nicht denken, dass die Menschen damals nur bis zum Dorfrand die Welt mitbekommen haben.“ Auch damals wurde viel gereist und vor allem berichtet, was man von anderen erfahren konnte, die noch weiter unterwegs waren.

Das Informationstempo beschleunigt sich vor allem im 19. Jahrhundert, als Schellerten für kurze Zeit unter erst preußische, dann französische Herrschaft fiel. Der Startschuss für eine zivile Grundordnung, die auch die Leibeigenschaft der Bauern beendete – sowohl von weltlichen als auch geistlichen Herrschern. Mit Industrialisierung, Anschluss ans Schienennetz über Garbolzum, der Flüchtlingsansiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die heutigen Tage schließt sich am Ende der Bogen, den die Heimatforscher in Daten, Geschichten und vielen Dokumenten präsentieren, um auch ihre Besucher den Hauch der Geschichte spüren zu lassen.

Das Festprogramm - 800 Jahre Geschichte an zwei Tagen:

Am Sonnabend, 6., und Sonntag, 7. Oktober, soll es im Schellerter Pfarrgarten rund gehen. Auftakt ist am Sonnabend um 14 Uhr mit der Enthüllung einer Gedenktafel, anschließend gibt es ein buntes Programm auch auf der Dorfstraße mit Schaubacken im alten Backhaus, Ritterspielen für Kleine, einer Ausstellung alter Gerätschaften und eben der Ausstellung zur Geschichte der Ortschaft selbst. Um 19 Uhr spielen die Original Klunkautaler zum Tanz im Festzelt auf.

Am Sonntag wird zu einem „historischen Spaziergang“ durch das Dorf eingeladen, um es mit anderen Augen zu sehen, wirbt Ortsheimatpflegerin Heike Klapprott, Treff ist um 11 Uhr auf dem Dorfplatz. Im Pfarrgarten gibt es ab 12 Uhr Musik vom Schellerter Bläserchor und Essen aus der Gulaschkanone. Ein weiterer Höhepunkt ist um 14 Uhr: Pastor Johannes Achilles hält eine Andacht, eine Zeitkapsel wird gefüllt und zum Schluss wird auch noch die reparierte Kirchenglocke eingeweiht.

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(gekürzter) Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors (Norbert Mierzowsky/Hildesheimer Allgemeine Zeitung)

 

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