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Blick in das Innere einer verschlossenen Welt

Ausstellungseröffnung im Franziskanerkloster Ottbergen Foto: Lindinger
Ausstellungseröffnung im Franziskanerkloster Ottbergen Foto: Lindinger
(Schellerten/sky) Die Franziskaner verlassen das Kloster in Ottbergen. Ortsheimatpfleger Hans-Georg Schrader schildert in der von im konzipierten Ausstellung eine Historie mit Mönchen, die vor Bismarck in die USA flüchten, aber auch Konflikten zwischen Wehrmacht und Arbeitsdienst im Zweiten Weltkrieg – und schließlich mit Ottberger Kindern, die im Kloster zur Schule gingen. 

Es sind vor allem die Bilder, die sprechen: Jungs in typisch gestreiften Pyjamas, die auf ihren einfachen Bettgestellen hocken. Für das Foto blicken sie ernst und freundlich in die Kamera. Doch in den Mund- und Augenwinkeln blitzt der Schalk, der sich hinter verschlossener Tür sicherlich Bahn gebrochen hat.

Oder die junge Mädchenschar, die in den Uniformen des NS-Reichsarbeitsdienstes mit zwei angeleinten Ferkeln auf dem Klosterhof angetreten ist. Es sind die letzten Kriegsjahre. Der Speisezettel weist eine reichhaltige Verpflegung aus. Zweimal täglich warmes Essen, fast täglich auch mit Fleisch dabei. Doch bald werden die Sirenen immer häufiger Fliegerangriffe ankündigen. Nur wenige Jahre können sie ihr möglicherweise idyllisches Leben genießen. Quellen dazu gibt es kaum. Aber eine Ehemalige, die ihren Namen nicht nennen will, hat Ottbergens Ortsheimatpfleger Hans-Georg Schrader über die damalige Zeit berichtet.

Auch über die Mentalität der Lagerleitung des Reichsarbeitsdienstes. Nach dem Angriff im März 1945 auf Hildesheim weigert die sich, Verwundete aufzunehmen: „Die, die ihre Knochen haben kaputtschießen lassen, können draußen im Freien campieren. Das kümmert die Lagerleitung nicht. Wenn nur der Arbeitsdienst in seiner nationalen Arbeit nicht gestört wird“, notiert ein Zeitzeuge in seinen Erinnerungen. Das Militär greift durch: 140 Verwundete ziehen in das eilends eingerichtete Lazarett ein, der Reichsarbeitsdienst zieht ab. Die Ärzte und Pfleger finden ein „verwahrlostes Gebäude vor“: „Dreckig und schmutzig“, schreibt der Zeitzeuge.

Schrader hat viel auf die Beine gestellt, um zum Abschied der Franziskaner aus Ottbergen eine Chronik und diese Ausstellung im Klostergebäude auf die Beine zu stellen. Auf den ersten Blick klassisch: Stellwände, Daten, Pläne, Chroniken. Doch der Blick auf die Details, die Szenen weckt die Neugier. Was denken die Jungs in den Schlafanzügen wirklich? Was geht in den närrisch verkleideten Kindern und jungen Männern vor, die für das Faschingsfoto posieren?

Einen kleinen Einblick liefern liebevoll gezeichnete Klosterszenen und Notizen des ehemaligen Schülers Joachim Lyschik, der kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges ins Internat kommt und später sein Abitur am Scharnhorstgymnasium in Hildesheim macht. Mit dem Abi in der Tasche tritt er als „Bruder Solanus“ in den Franziskaner-Orden ein. Den Schalk muss er im Nacken haben, das zeigen mindestens seine Skizzenblätter.

Ob alles im Internat und im Kloster wirklich so romantisch idyllisch war, die ein Ölgemälde im Saal zeigt, wird wohl ewiges Geheimnis bleiben. Ganz im Stil des Gründervaters Franz von Assisi lehrt in dieser Darstellung ein Bettelmönch den Internatsbuben die Liebe zur Natur und das Wissen darüber. Andächtig lauschen diese demfreundlichen Lehrer. Die Mauer hinter ihnen schließt sie aber deutlich von der Welt dort draußen ab.

Hans-Georg Schrader kennt die Schulwelt im Kloster. 1957 kam er als einer der Ottberger Jungen zum Unterricht, erzählt er. Er konnte das Gelände wieder verlassen, die Internatszöglinge blieben. Nur die kirchlichen Höhepunkte boten die Chance auf ein Festessen und den Blick nach draußen, erzählt Schrader. Andachten, Prozessionen, in die auch die Ottberger einbezogen waren. Vor allem die Mädchen, schmunzelt Schrader: „Die waren dann ganz besonders ‚katholisch‘.“

2009 wurde der Ortsheimatpfleger, wie alle anderen auch, von der Nachricht überrascht, dass die Franziskaner das Dorf verlassen werden. Der Zeitplan sah zunächst 2013 vor. Viel Zeit also für den Chronisten, seinen Entschluss umzusetzen, den Franziskanern ein Denkmal zu setzen. Doch der Zeitplan wurde immer enger: Ende Juli 2012 heißt es bereits Abschied zu nehmen.

„Ich habe von den Patres viele Unterlagen bekommen“, erzählt Schrader. Er konnte die Haus-Chronik einsehen, allerdings begann die erst 1920. Also ging es in die Archive des Bistums, des Landes und am Ende auch nach Fulda und München.

„Ich konnte mich so allmählich einlesen in die Geschichte“, sagt Schrader und rudert wieder zurück: „Lesen ist vielleicht übertrieben, oft war es auch ein Raten.“ Wenn es ihm gelungen war, sich in die „Klaue“ eines Chronisten einzulesen, wurde der schon wieder ausgewechselt, schildert der Ortsheimatpfleger seine Mühen.

Doch jammern ist nicht seine Art. Und auf seine Arbeit kann der bescheidene Ortsheimatpfleger wahrlich stolz sein. Das dürften ihm die Ausstellungsbesucher und Buchkäufer bestätigen, die vom heutigen Sonnabend an ins Kloster eingeladen sind.

Geöffnet ist die Ausstellung über das Franziskanerkloster in Ottbergen vom30. Juni bis 15. Juli jeweils freitags, sonnabends und sonntags von 15 bis 18 Uhr.

(geänderter) Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors (Norbert Mierzowsky/Hildesheimer Allgemeine Zeitung)

Bildergalerie:
Eine wechselhafte Klostergeschichte von Krieg und Frieden

(Schellerten/sky) Auf knapp 80 Seiten hat Ottbergens Ortsheimatpfleger seine Fleißarbeit über „Das Kloster zu Ottbergen“ in einem Band zusammengetragen. Die Mischung aus Fakten und Originalgeschichten von Zeitzeugen macht die rund 160-jährige Geschichte des Klosters sehr lebendig. Eine Geschichte, die auch sehr eng mit dem Leben im Dorf selbst zusammenhängt.

Gegründet hat es der Zisterziensermönch Johannes Vorwerk, der 1810 Pfarrer von Ottbergen wird. Er kauft am östlichen Rand des Dorfes ein Grundstück und baut dort ein Wohnhaus, die Keimzelle des Klosters. 1852 schenkt er seinen Grundbesitz dem damaligen Bischof von Hildesheim, Eduard Jacob Wedekin. Nur eine kleine Fläche reserviert er für seine Erben.

Ein Jahr später treffen in Hildesheim zwei Kapuzinerpatres ein, die in das bisher unbewohnte Pfarrhaus einziehen. Die beiden Männer kannten Ottbergen bereits, hatten aber schlechte Erfahrungen gesammelt, heißt es in der Chronik: „Bald erfuhren wir, dass wir eher an die Pfefferküste als in Ottbergen gewünscht waren.“ Doch als Prediger gewinnen sie die Herzen aus dem Nachbardorf Farmsen – und empfangen sie auch die ersten Almosen für ihren Lebensunterhalt.

So gut die Absicht des Bauherrn Vorwerk auch gewesen sein mag – die Chronik berichtet auch von ständigen Konflikten. Die Kapuziner klagen über die ständigen Bauarbeiten und über die feuchten Gebäude selbst. Bis 1863 kann der Bischof von Hildesheim die Patres halten, dann haben sie die Nase voll von Ottbergen und ziehen von dannen.

Fünf Jahre dauert es dann, bis es dem Bischof wieder gelang, für seine Schenkung Bewohner zu finden – weit weg bei Fulda. Drei Franziskanermönche, zwei Brüder und ein Knecht, ziehen 1868 in Ottbergen ein. Preußen – und ab 1871 das neu gegründete Deutsche Reich – stecken damals im sogenannten Kulturkampf, den Kanzler Otto von Bismarck gegen die Katholische Kirche focht. Eine Unruhe, die auch bis Ottbergen wirkt. 1875 flüchten die Patres zurück nach Fulda, um sich dann nach Amerika abzusetzen. Dem Bischof bleibt nichts anderes übrig, als sein Kloster vorübergehend zu „privatisieren“: Er verpachtet es, notiert Ortsheimatpfleger Hans-Georg Schrader.

13 Jahre später, nach einem mühsamen Versuch, ein Kloster- und Gemeindeleben aufzubauen, gelingt das im Herbst 1887, als die Franziskaner nach Ottbergen zurückkehren: Die Blütezeit beginnt, schreibt Schrader. Eine Blütezeit auch für die heimische Bauwirtschaft.

Das Kloster ist der Gesundheit abträglich, 1896 wird mit einem Neubau begonnen. Pünktlich, wie geplant, wird der Bau am 8. September 1900 eingesegnet. 1922 wird die Schule gegründet. Zunächst für zehn Jahre. 1933 übernehmen die Nazis die Macht und sehen bei den Ordensbrüdern „keine Gewähr für die Erziehung im nationalsozialistischen Sinne“. 1941, zwei Jahre nach Kriegsausbruch, taucht die Gestapo auf und verhaftet einige der Patres und Ordensbrüder. Wenige Monate später ist die Kirche ausgeräumt und entweiht. Auch hierüber finden sich in Schraders Buch Zeugenberichte. Für die Zeit, als der weibliche Reichsarbeitsdienst dort einzieht, wählt Schrader Originaltexte.

Doch auch nach Kriegsende findet das Kloster in dem urkatholischen Ottbergen keinen rechten Frieden. Die Franziskaner kehren zwar wieder zurück, müssen aber viele Mitbrüder aus Schlesien aufnehmen. Das ist den Dörflern ein Dorn im Auge. Durch die große Anzahl an Flüchtlingen hat sich die Bevölkerungszahl bereits verdoppelt. „Sie befürchten im Kloster das Entstehen einer Parallelkultur“, schreibt Schrader.

Doch mit der Öffnung der Klosterschule auch für Ottberger kehrt wieder Ruhe ein. Bis 1971 zählen Internat und Schule zumdörflichen Leben dazu. Die gemeindliche Betreuung verband die Mönche darüber hinaus mit den Dörflern. 144 Jahre waren im Kloster Franziskaner tätig. Am 31. Juli verlassen sie Ottbergen und werden von Minoriten aus Polen abgelöst. Das Kloster bleibt somit – vorerst – erhalten.

Die Chronik „Das Kloster zu Ottbergen. Aus der Geschichte von Kloster, Schule und Internat“ von Hans-Georg Schrader ist für 5 Euro während der Ausstellung im Kloster selbst und in Ottberger Geschäften erhältlich.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors (Norbert Mierzowsky/Hildesheimer Allgemeine Zeitung)

 

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