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Verängstigt im Viehwaggon - 17 Zeitzeugen erzählen Schülern von der Nachkriegszeit

Zeitzeugen erzählen Schülern von der Nachkriegszeit Foto: Wedig
Zeitzeugen erzählen Schülern von der Nachkriegszeit Foto: Wedig
(Schellerten/tw) Dorothea Schmidt erzählt von den letzten Kriegstagen in Dinklar. Manfred Kindermann (rechts) und Gerhard Walz hören zu. Foto:Wedig

Mucksmäuschenstill ist es im Klassenzimmer. Lisbeth Brunke, Jahrgang 1928, berichtet von bedrückenden Erlebnissen aus der Nachkriegszeit. Sie musste ihre Heimat in Schlesien verlassen. „Wir wurden in Viehwaggons gesteckt“, erzählt sie. „Alle hatten Angst. Wir dachten, der Zug fährt nach Sibirien.“ Dann das große Aufatmen – er rollte in Richtung Westen. Die Schlesierin landete in Schellerten, ist dort mittlerweile verwurzelt.

Zusammen mit 16 anderen Zeitzeugen aus der Gemeinde berichtet sie Neuntklässlern der Richard-von-Weizsäcker-Schule in Ottbergen von der harten Zeit nach dem Krieg. Authentisch, direkt, hautnah. Eine ferne Zeit wird für die Schüler greifbar. Die Heimatpfleger aus der Gemeinde unterstützen das Projekt, suchten mögliche Ansprechpartner aus, sind bei den Gesprächen mit dabei. Gemeindeheimatpflegerin Gerda Mayer aus Wöhle hat die schwere Zeit als Kind miterlebt. Sie erzählt kleine Episoden: wie ihre Familie eine Woche lang auf Brotaufstrich verzichten musste, weil sie eine Essensmarke verlor; wie die Dorfbewohner die Spitzen abgeernteter Rüben zu Sirup kochten und diesen zu Bonbons brutzelten – ein Luxusgut in Nachkriegstagen, heute kaum vorstellbar in Zeiten voller Regale.

Manfred Kindermann spricht offen über seine kindliche Begeisterung, im letzten Kriegsjahr noch die schmucke Uniform der „Pimpfe“ tragen zu dürfen, wie das Jungvolk genannt wurde. Durch eine geschickte Propaganda habe sich das NS-Regime in Szene zu setzen gewusst: „Hitler war für mich als Kind ein Idol“, sagt er, um mit Nachdruck zu ergänzen: „Heute sehe ich das anders.“

Phasenweise war die Nachkriegszeit fast wie Krieg. Kindermann berichtet, wie er von der Vergewaltigung einer Nachbarin mitbekam. „Ich wusste noch nicht, was das war.“ Gerhard Walz erzählt von seinen zwei Geschwistern, die starben, weil sie nicht genug zu essen hatten. Dorothea Schmidt erzählt, wie es war, als die Amerikaner Dinklar erreichten: „Wir saßen wie die Heringe im Keller.“

Doch es gab auch schöne Erlebnisse, damals. Paul Hischer erinnert sich zum Beispiel an die letzten Kriegstage. Er war als Soldat bei Riga im Einsatz. Die Munition war verbraucht, da kam die Nachricht vom Kriegsende. Ein Russe kam auf ihn zu. „Er hat mich umarmt“, erzählt Hischer, mehr als 65 Jahre danach immer noch mit einem Unterton des Erstaunens. „Das waren Leute wie wir.“

Für die Schüler, so die Bilanz der Lehrerin Anja Ahrenbeck, war der Tag mit den Zeitzeugen sehr eindrucksvoll. „Das war Geschichte aus erster Hand.“ Wie kürzlich der Besuch von Sally Perel, dem Autor des Buches „Hitlerjunge Salomon“, der in Peine aufgewachsen ist.

Wenn die Neuntklässler in diesen Tagen ihre Zeugnisse bekommen, wird mancher von ihnen wohl an das Nachkriegszeugnis denken, das Dorothea Schmidt mitbrachte: Aus steifem, braunem Packpapier war es – anderes Papier gab es nicht. So ändern sich die Zeiten.

(geänderter) Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors (Thomas Wedig/Hildesheimer Allgemeine Zeitung)

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