Sprungziele
Seiteninhalt

Vergangenheit von Dachböden geholt - Vier ehrenamtliche Heimatpfleger haben in jahrelanger Arbeit Struktur ins Gemeindearchiv gebracht

Das Papier-Erbe von zwölf ehemals selbständigen Dörfern haben Gerda Mayer, Hans-Georg Schrader und Heike Klapprott in fast sechs Jahren Arbeit geordnet. Der Vierte im Bunde ist Manfred Kindermann. (Foto: Wedig)
Das Papier-Erbe von zwölf ehemals selbständigen Dörfern haben Gerda Mayer, Hans-Georg Schrader und Heike Klapprott in fast sechs Jahren Arbeit geordnet. Der Vierte im Bunde ist Manfred Kindermann. (Foto: Wedig)
(Schellerten/tw). Das Papier-Erbe von zwölf ehemals selbständigen Dörfern haben Gerda Mayer, Hans-Georg Schrader und Heike Klapprott in fast sechs Jahren Arbeit geordnet. Der Vierte im Bunde ist Manfred Kindermann. (Foto: Wedig)

Als die Dörfer 1974 im ganzen Landkreis unter neue Dächer schlüpften, hatten die Verwaltungen mehr als genug mit der Gegenwart und Zukunft zu tun – die Gebietsreform war eine Herausforderung, da wurde die Vergangenheit erstmal in Schuhkartons verstaut und beiseite gelegt: Schriftstücke und Akten aus den ehemals selbständigen Gemeinden verschwanden auf privaten Dachböden oder landeten zunächst ungeordnet auf riesigen Haufen in den neuen Einheits-Rathäusern. In mancher Gemeinde liegen sie dort zum Teil immer noch.

In Schellerten machte sich eine Runde von vier ehrenamtlichen Heimatpflegern an die Arbeit, das Alte neu zu ordnen. „Wir dachten, wir wären in sechs Wochen fertig“, erzählt Gemeindeheimatpflegerin Gerda Mayer (Wöhle) im Rückblick auf die Zeit, als sie zusammen mit Heike Klapprott (Schellerten), Hans-Georg Schrader (Ottbergen) und Manfred Kindermann (Dinklar) begann, sich durch kaum überschaubare Berge von Papier zu wühlen.

Die sechs Wochen sind längst vorbei – das Quartett trifft sich nun schon im sechsten Jahr regelmäßig im Keller-Archiv des Rathauses, zurzeit jeden Dienstagvormittag. „Archivarbeit ist niemals fertig“, sagt Heike Klapprott, „es kommt immer wieder Neues dazu, das eingeordnet werden muss.“

Heute ist alles Schriftliche, das aus den zwölf Dörfern der Gemeinde Schellerten erhalten ist, gesäubert, sortiert, in Findbüchern und im Computer aufgelistet – und über Anträge an das ehrenamtliche Archiv- Quartett nicht nur für die hauptamtlichen Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung, sondern auch für jeden Bürger zugänglich. Zu den „Kunden“ gehören Anwälte, die Erbschaftsfragen klären wollen, ebenso wie die Rentenversicherung, wenn sie Lebensläufe rekonstruiert.

Ein riesiger Informationsschatz schlummert im Schellerter Archiv. Zum Bestand gehören knapp 2000 digitalisierte Fotos, fast die kompletten Akten der Grundschulen aus früheren Jahrzehnten, Baupläne, Land- und Katasterkarten, Listen über die Wohnungsbelegung in der Nachkriegszeit, Abgabenbücher zu Gemeindesteuern, amtliche Schriftwechsel, Amtsblätter und Erlasse oder alte Eheverträge. Letztere sagten viel über die Sozialgeschichte früherer Zeiten aus, sagt Gerda Mayer. Manches lässt sich im Archiv entdecken, das nur noch auf dem Papier existiert: „Es gab im Gemeindegebiet früher mal an die 15 Mühlen“, berichtet Heike Klapprott. Die vier Heimatpfl eger sind gerade dabei, darüber eine Dokumentation zu verfassen – basierend auf alten Karten oder Einträgen.

Vom Rathaus fühlen sich die vier „Archivmäuse“, wie Mayer die Runde schmunzelnd nennt, sehr gut unterstützt. Direkter Ansprechpartner ist Fachbereichsleiter Stefan Lindinger. Auch Bürgermeister Axel Witte ist sehr froh über das rührige Archiv-Team. „Etwas Besseres konnte der Gemeinde nicht passieren“, lobt er die Hüter der Akten. Um die hatten sich in den 1980er und 90er Jahren schon zwei ABM-Kräfte gekümmert, die allerdings gegen das Papier-Erbe der zwölf Ursprungsgemeinden nicht allein ankamen.

„Keine der zwölf Gemeinden hatte bis 1974 eine hauptamtliche Verwaltung“, erläutert Witte. Entsprechend gab es zwölf unterschiedliche Ablage-Systeme – manchmal auch gar kein System. Lediglich für die Bereiche der Kasse und des Standesamtes gab es damals schon einheitliche Vorgaben.

In den Jahren rund um die Gebietsreform wurde manche Akte auf Dachböden geschleppt, geriet in Vergessenheit und wurde oft erst viel später wiederentdeckt.

Die Archivare sind für jedes neue Dokument dankbar. Mittlerweile ist die neue Einheitsgemeinde nach ihrer Einschätzung auch so weit zusammengewachsen, dass es nur noch wenige Einwohner in den einzelnen Dörfern gibt, die alles unbedingt direkt in „ihrem“ Ort aufbewahren möchten und Vorbehalte gegen die Zentrale in Schellerten pfl egen. Da das Archiv im Rathaus aus allen Nähten platzt, werden allerdings in einigen Ortsteilen auch kleine angegliederte Archive vor Ort eingerichtet.

Das älteste Schriftstück des Schellerter Bestandes ist ein Dokument aus der ehemaligen Schule in Garmissen, es stammt aus dem Jahr 1643. Manches Papier lag jahrzehntelang in Truhen, zum Teil gelagert in Ställen – und musste erst ordentlich geschrubbt oder von allerlei Kleingetier befreit werden, bevor es in die Regale einsortiert werden konnte. „Das war manchmal eine richtige Drecksarbeit“, erinnert sich Gerda Mayer. Auch dafür sind die Vier vom Archiv sich nicht zu schade – um die Vergangenheit für die Gegenwart und die Zukunft zu bewahren.

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung/ Thomas Wedig)

Seite zurück Nach oben